Nokia Lumia 800: Nokias erstes Windows Phone im Test

Mit dem Nokia Lumia 800 habe ich vor ein paar Wochen sicherlich eines der interessantesten Geräte der letzten Jahre von Nokia bekommen. Die Lumia Reihe zieht einen Schlussstrich unter Nokias von Symbian geplagter Smartphone-Linie und markiert gleichzeitig einen Neuanfang samt brandneuem Betriebssystem. Im Gegensatz zu Symbian wird Windows Phone 7.5 jedoch nicht mehr selbst bei Nokia programmiert sondern von Microsoft lizenziert. Ein wenig mehr als 10 Monate nach der Enthüllung des Deals mit Microsoft können wir erstaunlicherweise schon die ersten Früchte dieser Partnerschaft in den Händen halten.

Die Hardware

Der finnische Mobiltelefonhersteller hat sich beim Design ganz klar und ungeniert vom Nokia N9 inspirieren lassen. Bis auf ein paar Änderungen im Detail glaubt man fast ein N9 in der Hand zu halten – und das sei nicht negativ gemeint. Geschmack und Sinn für Ästhetik hatte Nokia seit eh und je. Das Design des Lumia 800 wirkt noch immer äußerst edel, besticht durch eine ganz eigene Art und Formgebung, die sich schön von der Konkurrenz abhebt: Eine klare Linienführung, abgerundete Gehäuseseiten und ein Material, das außerordentlich angenehm in den Händen liegt. Wobei ein edles Äußeres auch seine Tücken hat: Im Test hat die Rückseite Staub und Schmierer regelrecht angezogen und man hatte ständig irgendwie das Gefühl hat, dass sie irgendwie nicht ganz sauber ist.. Auch der USB-Anschluss ist gegenüber dem Aussehen ins Hintertreffen geraten. Dieser versteckt sich nämlich hinter einer kleinen Klappe, die man gerade am Anfang nur mit Mühe aufbekommt. Nach ein wenig Training klappt es mittlerweile aber ohne Probleme den richtigen Druckpunkt für die Klappe zu finden. Mir, als „Smartphone jede Nacht aufladen“-Verfechter, wäre ein offener/freistehender USB-Anschluss auf alle Fälle lieber gewesen.

Wenn wir schon beim Thema Strom sind: Wie bei einigen neueren Smartphones findet man auch beim Lumia 800 keine Möglichkeit mehr, den Akku selbst auszutauschen. Mit einem voll geladenen Akku bin ich gut durch den Tag gekommen. Dann war es aber sehr oft notwendig, eine Stromquelle anzuschließen – vor allem wenn man unterwegs viel Musik hört und öfters die Datenverbindung nutzt.

Als Display kommt beim Lumia 800 ein 3,7 Zoll ClearBlack AMOLED mit einer Auflösung von 480 x 800 Pixel zum Einsatz. Besonders der Schwarz-Ton kommt wahnsinnig gut zur Geltung und erscheint dermaßen Tiefschwarz, dass der Rahmen des Smartphones regelrecht mit dem (schwarzen) Hintergrund des Userinterfaces verschwimmt, was in einem netten optischen Effekt resultiert. Die Auflösung des Displays ist leider ein wenig niedrig. Vor allem in Verbindung mit der PenTile-Technik ergibt sich nur ein suboptimales Bild. Auch der Prozessor – ein Single-Core 1.4GHz MSM8255 Snapdragon – ist im Vergleich zu anderen Geräten nicht mehr das Maß der Dinge. Zur Verteidigung sei jedoch gesagt, dass beides festgelegte Spezifikationen von Microsofts Plattform sind und selbst Nokia daran nichts ändern kann. Scheinbar ist nämlich das System sehr gut auf genau diese Hardware-Anforderungen angepasst. Man hat eigentlich nicht das Gefühl das man zu irgendeiner Zeit zu wenig Rechenpower unter der Haube hat. Menüs laden ohne Verzögerung, Animationen laufen flüssig ab und der Wechsel zwischen Apps funktioniert problemlos und schnell. 512 MB Arbeitsspeicher und 16 GB Speicherplatz sind ebenfalls ausreichend und gut dimensioniert.

Windows Phone 7.5

Das Nokia Lumia 800 war/ist mein erstes Smartphone mit der neuen Windows Phone 7-Plattform und es war für mich somit eine komplett andere Welt, an die ich mich erstmal gewöhnen musste. Der gewohnte Apple-Eye-Candy ist einem typographielastigen Userinterface gewichen, das durch dezente – aber gezielt eingesetzte – Animationen Schwung und Dynamik verliehen bekommt.

Der Startbildschirm zeichnet sich bei Windows Phone 7 durch die charakteristischen rechteckigen „Live-Tiles“ aus: App Icons, die neben der statischen Icon-Anzeige noch weitere Informationen anzeigen können und sich stetig verändern. Das kann beispielsweise eine simple Anzeige der ungelesenen E-Mail sein, aber auch einen Teil der Rangliste von Foursquare darstellen, die zuletzt geknippsten Fotos oder das Cover der aktuell gespielten Musik anzeigen. Der Startbereich wirkt dadurch sehr dynamisch, obwohl er nur aus wenigen Icons und Farben besteht. Ein Swipe nach rechts bringt den User in eine alphabetisch geordnete Liste aller Anwendungen. Von dort können nach belieben Live-Tiles zum Startbildschirm hinzugefügt werden. Oft bieten aber auch Apps selbst an, bestimmte Funktionen als Live-Tile zugänglich zu machen, sodass man schnell auf wichtige Funktion eines Apps zugreifen kann.

Viele der Apps ordnen sich glücklicherweise dem gelungenen Haupt-Bedienkonzept von Windows Phone 7 unter: Eine App besteht normalerweise aus mehreren Seiten, die man durch Swipe nach Links oder Rechts erreichen kann. Man muss sich die App quasi als Band vorstellen, dass man unter dem Display hindurchschiebt. Selbst sieht man jedoch nur immer einen Teilbereich dieses Bandes. Manchman ist die Schrift abgeschnitten, das gehört aber zum Interface-Konzept und ist gewollt um die Metapher des Hin- und Herschiebens zu erreichen und dies für den Nutzer plausibler zu machen. Auf diese Weise kommt man im Kontakte-Hub zuerst von den Neuigkeiten zu den zuletzt verwendeten Kontakten und landet dann bei einer Liste aller Kontakte. Im Mail-App geht es zuerst mit allen Mails los, danach kommen die ungelesenen Nachrichten, die Markierten und zum Schluss die Dringenden. Auch wenn sich das Konzept ein wenig kompliziert anhört, geht das User-Interface schon nach wenigen Stunden in Fleisch und Blut über und man fühlt sich wie zuhause.

Internet Explorer

Auch beim Internet Explorer hat sich Microsoft einige Mühe gegeben und unterstützt brav HTML5-Webstandards. Obwohl sich die hardwareunterstützte Render-Engine und Optimierungen bei Javascript und CSS-Support bemerkbar machen, kommt mir der Safari und Android-Browser noch einen Tick flotter vor. Aber immerhin ein sehr benutzbarer Browser.

Die Kamera

Nokia hat im Lumia 800 einen 8 Megapixel-Kamerasensor eingesetzt, der neben Fotos auch 720p HD-Videos mit 30fps aufnehmen kann. Als Linse kommt Nokia-typisch eine von Carl Zeiss zum Einsatz. In Situationen mit wenig Licht, bekommt man Unterstützung durch einen Dual-LED-Blitz, von dem man jedoch wie gewohnt keine Wunder erwarten darf. Zum Auslösen der Kamera kann entweder direkt auf einen Bereich des Displays getippt werden, wodurch dieser automatisch fokussiert und anschließend eine Foto davon geknippst wird. Alternativ steht ein Hardware-Button an der Gehäuseseite zur Verfügung, der jedoch meiner Meinung nach zu nah am „Search“-Softkey platziert ist und man dadurch oft unabsichtlich die Suche aktiviert. Das ist vor allem sehr  ärgerlich, wenn man schnell einen spontanen Schnappschuss einer Situation machen will und dann im Suchmenü landet. Die Qualität der Bilder ist in Situationen mit genügend Licht wirklich super (siehe Galerie unten), bei wenig Licht fällt ein leichter Grünstich auf.

Marketplace

Microsofts Betriebssystem kommt standardmäßig bereits mit vielen Programmen, die man von einem Smartphone erwartet. Ein paar Apps muss man sich jedoch aus dem Marketplace besorgen. Dazu gehören beispielsweise der Facebook- und Twitter-Client. Leider sind besonders diese zwei Apps sehr dürftig ausgefallen und konnten mich nicht überzeugen. Die Äquivalente auf anderen Smartphone-Betriebssystemen haben da deutlich mehr Funktionalität. Schätzungsweise wird sich der Zustand aber in Zukunft bessern wenn die Nutzerzahlen von Windows Phone 7 steigen. Auch sonst findet man im Marketplace keinen ähnlich großen Umfang des App-Katalogs wie in den Stores der Mitbewerber. Man mag argumentieren, dass man sich sowieso nicht 50.000 Apps herunterladen kann – im WP7 Marketplace fehlt jedoch merkbar die Auswahl und Masse an guten Apps. Selbst bei so etwas wie alternativen Twitter-Clients ist die Auswahl an richtig guten Apps sehr klein. Offizielle Apps anderer Services, wie beispielsweise Dropbox, vermisst man ebenfalls oft gänzlich. Besonders verwunderlich ist die Abwesenheit von Skype im Marketplace – vor allem weil der VoIP-Service ja seit kurzem zum Microsoft-Konzern gehört. Auch wenn sich die Situation wahrscheinlich bald bessert, würde ich vor einem Umstieg auf Windows Phone 7 die Verfügbarkeit der Lieblings-Apps und -Services auf der Plattform checken. Nicht, dass man später böse Überraschungen erlebt, weil ein gewisses App nicht verfügbar ist und auch keine Alternative findet.

Microsoft Office & Xbox Live

Im Office-Bereich kann Microsoft seine Stärke richtig ausspielen. Wie es sich für ein Microsoft-OS gehört, gibt es natürlich eine Office-Suite – diese ist praktischerweise direkt integriert und es fallen keine zusätzlichen Kosten an. Die Funktionalität ist für ein mobiles Gerät absolut ausreichend. Für längere Arbeiten würde ich es aber nicht empfehlen. Der Spiele-Sektor ist der zweite Bereich, in dem Microsoft auf seine eigenen Stärken zurückgreifen kann. Xbox Live ist natürlich an Board und versorgt den Spieltrieb des Nutzers. Wer schon einen Xbox Live-Account hat, kann diesen natürlich gleich verwenden und hat seinen Gamerscore und Avatar auch am Handy dabei.

Nokia Apps

Ein großer Teil der Nokia-Microsoft-Partnerschaft war die Zusicherung für Nokia, ihre Geräte mit ein paar speziellen Nokia Apps ausstatten zu dürfen, die nicht auf Hardware anderer Hersteller kommen. Das Paradebeispiel hierfür ist Nokia Navigation – der kostenloser Navigationsdienst, den man von früheren Nokia-Geräten kennt und lieben gelernt hat. Kostenloses Kartenmaterial mitsamt Offline-Modus und Turn-by-Turn Navigation mit Sprachausgabe bringt Nokia einen großen Vorsprung gegenüber den anderen Windows Phone 7-Hardwarepartnern. Außerdem ist ein Musikdienst und Nokias eigene Karten-App installiert, die zumindest in Österreich um Welten besser funktionert als der Kartendienst von Microsoft.

Fazit

Ich habe mich ein ehrlich gesagt ein wenig in den Style und die Bedienung von WP7 verliebt. Es zeigt eben, dass auch abseits der von Apple eingeführten Bedienkonzepte eine Smartphone-Welt möglich ist. Windows Phone ist jedenfalls in meiner Rangliste der Smartphone Betriebssysteme deutlich vor Android gerückt und nimmt seinen Platz in der Nähe von iOS ein. Zusammen mit der wirklich gelungenen Hardware ist Nokia ein super Erstlingswerk gelungen, das man getrost zum Kauf empfehlen kann. Mit der Zeit wird auch die ein oder andere Software-Schwachstelle noch ausgebügelt und der Marketplace wird sich ebenfalls noch füllen. Immerhin sollte beachtet werden, dass die Plattform noch in den Kinderschuhen steckt und Microsoft zweifellos noch ein paar Features in petto hat. Leider haben es in der aktuellen Version auch einige der Funktionen nicht ins System geschafft, die man sonst bei Nokia-Handys bereits gewöhnt war. Darunter fallen zum Beispiel die NFC-Möglichkeiten oder Teethering.

  1. redcubes

    29. Januar 2012

    Das ist wieder Nokia! Mit meinem 6600 und N70 war ich sehr zufrieden… dann aber auf das iPhone umgestiegen. Symbian war mir zu schwerfällig und das iPhone zu verlockend. Ich haben den Umstieg nie bereut, vor allem als ich beobachten musste, was mit Nokia passierte.

    Aber mit dem Lumia 800 ist es Nokia gelungen, dass ich über einen erneuten Wechsel nachdenke. Fast jedenfalls. Äusserlich ist das Gerät sehr gelungen, vor allem die blaue Version würde mir liegen. Windows Phone gefällt mir auch immer besser… und ist mir um einiges lieber als Android. Gegen den Umstieg spricht vor allem, dass ich mittlerweile mehrere duzend und teilweise teuere Apps für iOS habe und viele davon auch nur auf dieser Plattform in dieser Form existieren. Aber als Zweithandy könnte ich mir ein Lumia gut vorstellen.

    Ach ja, sehr schöner Test.

    • fabianpimminger

      29. Januar 2012

      @redcubes Dieser “auf einer anderen Plattform hab ich schon viele Apps gekauft”-Gedanke ist mir auch schonmal eingefallen. Ist auch ein großer Nachteil wenn man häufig die Plattform wechselt :(

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